Verein zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit e.V.   |   Hinter der Mauer 9   28195 Bremen   |   Tel.: 0421 - 762 66    Fax: 0421 - 762 52

Zurück nach Hause…..

„Ich wuenschte ich waere eine Gluehbirne, dann koennten mich alle sehen!”(Zitat eines unbekannten Strassenkindes)

Hi ihr Lieben da draussen. Und wieder begluecke ich euch mit Anekdoten und Anekdoetchen aus einem Land, dessen Motto das Wort „esperar” (warten) zu sein scheint… .klingt schlecht? Kann es sein, muss es aber nicht… .!Christine und ich haben drei Megaerfolge zu verbuchen. Leider aber auch einen kleinen Rueckschlag, an dem ich aber (natuerlich) noch dranbleiben und arbeiten werde… Warum nur ich? Weil Christine tatsaechlich Dienstag aufbrechen wird aus Fortaleza… Heul schluchz flenn… .Und so bleibe ich hier ersteinmal alleine zurueck auf dem Schlachtfeld und gucke was ich drehen kann, Mery Helenbis ich einen neuen Partner gefunden habe. Da ich ja nun mit Leib und Seele Paedagogin bin (Gleich mal eben den Erdbeersahnetee rausholen) muss ich natuerlich vorneweg mit dem positiven anfangen um dann das negative nicht mehr ganz so schlimm erscheinen zu lassen… .oder war das anders rum… vergessen… egal!Ich habe ja bereits einmal in einer Mail von Mery Helen berichtet (habe damals den Namen falsch geschrieben), die auch bei der Shopping-Tour mit Nayela dabei war.

Mery Helen ist jetzt fast 18 und kommt eigentlich aus Rio de Janeiro. Sie ist mit 13 Jahren nach Fortaleza getrampt und ist seit dem hier und auf der Strasse. Ich habe ja bereits berichtet, wie schnell man auch in diesem Strudel drin sein kann und nicht wieder herausfindet. So lebt sie seit dem hier auf der Strasse und macht natuerlich auch nicht selbstaendig den Versuch wieder nach Hause zu kommen. Mery Helen ist ziemlich staemmig und eigentlich eine ganz Liebe, nur wenn sie ausrastet, waechst kein Gras mehr und der Waechter vom Lagoa hat uns berichtet, das sie mit 3 Mann versuchen mussten Mery Helen von einem anderen Maedchen loszureissen…sah wohl sehr gefaehrlich aus… Christine hat sich in ihren Interviews viel mit ihr beschaeftigt und sie auch 3 bis 4 mal in eine der Einrichtungen gebracht, in der die Kinder nur fuer ein paar Tage bleiben duerfen. Nach langen und reiflichen Ueberlegungen haben Christine und ich beschlossen von unseren Spenden fuer Mery Helen einen Flug nach Rio de Janeiro zu finanzieren um endlich wieder zu ihrer Familie zurueckkehren zu koennen. Wenn man fliegt, braucht man aber natuerlich noch einen Ausweis, den sie natuerlich nicht hat. So war es bis gestern ein spannendes hin und her, ob sie ihren Ausweis bis Dienstag bekommt, denn der Flug musste heute gebucht werden. Gestern hat Christine dann die Nachricht erhalten, das der Ausweis Montag definitiv fertig sein wird… haette es nicht geklappt, haette ich Mery Helen im Maerz mit nach Rio genommen…na ja, wer weiss das hier schon, ob es jetzt tatsaechlich klappt. Fuer Sie ist das eine riesige Chance, endlich von der Strasse wegzukommen. Ihre Tante, zu der sie dort kommen wird, freut sich wohl auch schon ganz furchtbar auf sie und ihre ganze Familie lebt dort. Ausserdem braucht Mery Helen nur noch eine Grad um ihre Schule zu beenden. Vielleicht schafft sie das ja… .vielleicht auch nicht… jedenfalls ist das fuer das Maedchen eine riesige Chance und ich finde, wenn man die Moeglichkeit hat, so wie wir, sollte man ihr diese Chance geben. Mery Helen sitzt jetzt in der Funcie und wartet ganz aufgeregt auf Dienstag. Toll fand sie vor allem auch, das sie fliegen kann. Der Abschied am Terminal war bittertraurig: als Mery Helen von der Funcie im Auto abgeholt wurde und weggefahren ist, sind die Kinder schreiend und weinend hinter dem Auto hergelaufen und haben geschrien, sie soll nicht weggehen… .Mery Helen war schon so eine kleine (wohl eher maechtige) Persoenlichkeit auf der Strasse und gerade auch fuer viele Maedchen wie z.B. Nayela ein Halt und ein Stueck Familie… ..Aber das alles muss ja nicht negative sein, denn es kann ja auch dazu fuehren, das sich andere dazu entschliessen, wieder nach Hause zu gehen.

Das ist das Stichwort fuer unseren naechsten (kleinen) Erfolg: Aktion Osmar und Bruno! Nachdem Bruno aus Maranguape weggefahren ist, ist er TATSAECHLICH nicht mehr zurueck auf die Strasse gegangen, sondern zurueck zu seiner Mutter… .nach Hause… .Das heisst nateurlich nicht, das er noch ab und zu seine Freunde am Lagoa besucht, aber er schlaeft dort nicht mehr. Und die Strassenarbeiter von der Funcie , die Bruno Zuhause besucht haben haben berichtet, das er jetzt auch UNBEDINGT ins sitio will. Leider erlaubt Bernardo das nicht, was ich aber auch verstehen kann, weil Bruno, wie bereits berichtet, ziemlich stark crackabhaengig ist und das natuerlich zu argen Problemen fuehren kann. Unsere Idee ist jetzt, das ich die Leute von der Funcie bitte, mich dort hinzubringen um so den Kontakt zu Bruno zu halten und noch 2 – 3 mal ein Treffen mit Osmar zu initiieren, Osmardamit dieser ihn weiterhin positiv beeinflussen kann. Denn auch wenn er jetzt gerade ganz euphorisch ist, mit seinen positiven Gedanken kann sich das natuerlich auch schnell wieder aendern. Somit muss jetzt alles getan werden, damit er seinen Plan nicht aufgibt. Ich werde jetzt versuchen, Kontakt zu einer Einrichtung aufzunehmen, der „Manassee“ die mit Strassenkindern mit Suchtproblemen arbeitet, und denen von Bruno erzaehlen. In der Einrichtung koennte Bruno dann auch eine zeitlang unterkommen und wuerde eine Therapie machen. Sollte ich ein positives Feedback bekommen, werde ich den Kontakt zu Bruno herstellen. Ausserdem werde ich in ca. einem Monat nochmal das Gespraech mit Bernardo suchen um ihm dann hoffentlich positive Ergebnisse liefern und ihn umstimmen zu koennen. Als ich von all dem gehoert habe, habe ich mir ein Loch in den Bauch gefreut… besser haette das doch gar nicht laufen koennen… .ein Bilderbucherfolg sozusagen… ..ich bin begeistert! Vor allem freu ich mich drauf, morgen Osmar davon zu erzaehlen.

So komme ich jetzt mit voller Schreibenergie zum dritten und letzten Erfolg, der ein noch nicht ganz filmreifes Ende genommen hat, aber es wird dran gearbeitet. Projekt: Rettet Artilla. ein kleines zierliches Persoenchen, wird von ihrer Mutter, wenn sie zu hause ist, ständig mit Guertel und Besenstil verdroschen, wenn sie nicht pariert und die Hausarbeit fuer die Mutter und die sechs Geschwister macht. Sie wird wie eine Sklavin gehalten. Die Mutter schnitt ihr sogar ihre Haare ab, denn Adila sollte nicht schöner aussehen als sie selbst. So ist sie immer wieder von Zuhause weggelaufen. Vor kurzem haben wir Àdila wieder auf der Strasse gesehen und nach Aussage anderer Kinder, hat sie angefangen, sich zu prostituieren. Heute haben wir Àdila in der Einrichtung besucht, in der sie damals schon war. Am Montag wird sie von Sergio dort abgeholt und fuer eine Woche nach Maranguape in eine Einrichtung gebracht, damit die Mutter nicht weiss wo sie ist und sie nicht, wie sie das jedes Mal macht, wieder nach Hause holen kann. Dann wird Marcus, ein befreundeter Sozialarbeiter den Fall uebernehmen, weil er Brasilianer ist und jahrelang auch mit Strassenkindern gearbeitet hat. Er wird sie dann in eine Einrichtung geben, die gerade neu eroeffnet und wird sich auch weiterhin um sie kuemmern. Ich habe beschlossen, auch hier einen kleinen Teil meiner Spenden reinfliessen zu lassen. Zum einen um Marcus einen Hungerlohn fuer seine Arbeit zu bezahlen, zum anderen, damit ewas Geld in der Hinterhand ist, damit man zur Not was tun kann, falls die Mutter die Tochter doch wiederfinden und mitnehmen sollte. Wir durften sie heute allerdings nicht sehen, obwohl sich Christine nur kurz von ihr verabschieden wollte, denn seit dem Christine Kontakt zu der Mutter aufgenommen hat, sind die Leute aus der Einrichtung misstrauisch. Und ausserdem sind wir beide der Meinung das es wahrscheinlich nicht einfach ist, wenn man 2 ½ Jahre lang mit so einem Fall betraut ist und im Grunde nix passiert und dann kommt da eine aus Deutschland und reisst innerhalb von 5 Montane mal eben alles raus.

NayelaKomme ich jetzt mal zu meinem Sorgenkind: Nayela. Nachdem sie sich nun tatsaechlich dazu entschlossen hatte, in eine dauerhafte Betreuung zu gehen, ist leider etwas unerfreuliches passiert: Sie sollte in eine Betreungseinrichtung der Funcie kommen, dem „casa das meninas“. Jedoch wollte sie nicht alleine gehen, sondern hatte gleichzeitig auch ihre beste Freundin Rutielle animiert mitzugehen. Als die beiden dort ankamen, wurde ihnen dann mitgeteilt, das das nicht geht, weil sie im Laufe der Jahre festgestellt haben, das vor allem die Aufnahme von 2 Freunden auf der Strasse oft kompliziert verlaeuft. Da diese meist Aerger in der Einrichtung machen, weil sie sich den anderen ueberlegen fuehlen. Das ist mit Sicherheit richtig, aber ich denke nicht in allen Faellen so. Gerade fuer Nayela tut mir dieser Rueckschlag unendlich leid. Vor allem wird es jetzt bestimmt erstmal wieder eine Zeit brauchen, bis sie einen neuen Anlauf wagt. Schade. Da ich jetzt aber wahrscheinlich in regelmaessigem Kontakt zur Funcie stehen werde, werde ich auch an dieser Geschichte dran bleiben. Da muss doch was zu machen sein… .Ich haette so furchtbar gerne, das Nayela endlich irgendwo untergebracht ist, wenn ich das Land verlassen muss… .aber das kann sich ja wahrscheinlich jeder von euch vorstellen.Ich war am Dienstag auf der Strasse und habe jetzt verstaerkt Kontakt zu Strassenarbeitern von der Funcie aufgenommen. Die machen jetzt taeglich Aktionen am Terminal. Unter anderem Circus und Percussion. Ich habe dort meine Hilfe angeboten,. Und werde jetzt versuchen regelmaessig an den Aktionen teilzunehmen. Ausserdem bin ich fuer die Funcie ein guter Kontakt zum Kleinen Nazareno. Bernardo selbst hat wohl eher weniger Kontakt zu anderen Strassenkindereinrichtungen in Fortaleza. Und fuer mich ist es neben der Begleitung, der wie ich finde tollen Aktionen, die Moeglichkeit weiter zu eruieren und zu gucken ob ich nicht vielleicht die Moeglichkeit habe auch bei anderen Kindern sowas wie eine Einzelfallhilfe zu leisten. Ich denke einfach, wenn nur eines der Kinder es schafft, dann ist das schon verdammt viel wert. Und bisher haben wir doch eigentlich ganz gut was auf den Weg gebracht… oder?….abwarten… .Erdbeersahnetee trinken… ..

Veröffentlicht am 26.Februar 2007 um 21:20 im Straßenblog unter der Kategorie Barfuß in Brasilien

Kommentare

Der Straßen-Blog wird seit 2006 von VAJA-Mitarbeiter/innen (und Jugendlichen) genutzt, um über Erlebnisse und Anekdoten aus dem Alltag und von der Straße zu berichten. Seit VAJA eine eigene facebook-Seite hat und sich derartige Inhalte dort wiederfinden, wird der Straßen-Blog nur noch sporadisch verwendet. Dennoch halten wir ihn im Rahmen unseres Archivs gerne zum Stöbern aufrecht. Wir freuen uns aber auch, wenn Ihr auf unserer facebook-Seite vorbei schaut!


 

Kommentar schreiben

   



 

 

Keine Kommentare vorhanden.