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Von Strasse und Strand

StrasseLetzte Woche hatten die Kinder eine riesige Flasche mit Loesungsmitteln unter der Bank versteckt. Da habe ich mit den Leuten von der Funcie alle Anstalten unternommen, um die Aufmerksamkeit der Kinder von der Flasche abzulenken, damit die Funcie die Flasche mitnehmen kann. Kurze Zeit war es uns auch gelungen, naemlich als ich meine Kamera ausgepackt und Fotos gemacht habe. Aber die Flasche war fuer die Kinder einfach zu Wertvoll und so blieb sie in der Hand der Kinder. Irgendwann zwischendurch hat sich ploetzlich eines der Kinder mitten auf dem Platz ausgezogen und laut rumgeschrien. Der muss so breit gewesen sein, das er gar nichts mehr geschnallt hat. So hatten wir echte Anstrengungen ihn wieder zum Anziehen zu bewegen. Dieses Klebstoffzeug ist echt teuflisch… .

So teuflisch, das es gerade der Klebstoff ist, der die Kinder immer wieder zurueck auf die Strasse treibt. So sind die Woche vor Karneval 4 Kinder aus dem sitio abgehauen, und zurueck auf die Strasse. Leider alles Kinder, die ich bereits extreme in mein Herz geschlossen habe… .das hat mich echt traurig gemacht. Wen ich als erstes gesehen habe war leider leider leider Osmar. Ich bin am Montag auf die Strasse und da sass er dann mit seinem Bruder Regin und beide hatten total verklebte Haare vom Klebstoff und waren total breit. Ich war total geschockt… Osmar hatte auch sofort ein schlechtes OsmarGewissen und hat erst kaum mit mir geredet… Bis er dann irgendwann ganz ploetzlich auf mich zugekommen ist und mich ganz fest in den Arm genommen hat… .Wenn ich ehrlich bin, macht mich diese Arbeit alleine auf der Strasse schon manmchmal ganz schoen fertig… wenn man so niemanden zum reden hat wie Christine, mit dem man seine Gefuehle austauschen kann. Klar, die Leute von der Funcie sind auch da, aber es ist ein riesiger Unterschied, ob man die Dinge in seiner eigenen Sprache formuliert oder in einer fremden. So hatte ich die drei Tage Strassenarbeit jedesmal auf der Rueckfahrt im Bus einen maechtigen Kloss im Hals und wusste nicht so recht, wohin mit mir… ploetzlich war alles irgendwie doof… Ausserdem ist niemand da, den man fragen kann, ob man das richtige tut. So habe ich mittags in der Wohnung lange mit mir gerungen, ob ich nochmal zum Lagoa soll, mit ner Schere und den beiden die Haare schneiden soll. Ich war mir nicht sicher, ob das nicht irgendwie noch eine Belohnung darstellt, dafuer, dass sie aus dem sitio abgehauen sind. Nach langem inneren hin und her habe ich mir Kamm und Schere geschnappt und habe Frisoer gespielt und die beiden von ihrem Elend befreit. Osmar und Regin sahen so gezeichnet aus… .ging gar nicht, egal ob falsch oder richtig! Am Nachmittag war dann die Mutter der beiden da. Ich glaube ich habe selten so eine abgehalfterte Frau gesehen…die war total besoffen und hatte den 4 jaehrigen kleinen Bruder der beiden dabei, der voellige hilflos und irritiert zwischen den ganzen Klebstoffschnueffelnden Kindern stand. Sie hat dann immer rumgebruellt (mehr gebellt), das Osmar sich zum Teufel scheren soll und Regin hat sie die ganze Zeit in den Arm genommen und gesagt, das er mit nach Hause kommen soll. So hat Osmar mich dann immer ganz hilflos angeguckt und ich habe die Leute von der Funcie hilflos angeguckt und die mich. Und so hilflos bin ich dann auch nach Hause gefahren… ..Vorher habe ich noch lange mit Osmar gesprochen und habe gesagt das ich am naechsten Tag kommen werde, bevor ich ins sitio fahre und er sich bis dahin ueberlegen kann, ob er mitfaehrt. Natuerlich ist er nicht mitgefahren… er war glaube ich in dem Moment einfach zu gluecklich mit seiner Klebstoffflasche unter der Nase… .Echt absurd: Bruno ist jetzt von der Strasse weg und versucht sein Leben zu meistern und Osmar hat sich dazu entschieden wieder auf die Strasse zu gehen. Scheisse!Ausserdem ist Rafael Oliviera weg, der der mal zu mir gesagt hat, das er eigentlich gerne 6 Monate im sitio und 6 Monate auf der Strasse verbingen wuerde. Zwischen uns bestand am Anfang eine kleine Hassliebe bis wir am Ende viel zusammen unternommen haben und der jeden beklaut hat, nur nicht mich… Und Filipe, der mit dem Engelsgesicht ohne Engel, der mir, nachdem er mir das Taschenmesser geklaut hat, ganz fuersorglich die Finger und Fussnaegel vor dem Haus geschnitten hat. Keiner weiss wo die Kinder jetzt sind… .Felipe links im BildLetzte Woche war einer der Funcie mit Stelzen und Einraedern da. Das war ganz cool, ich bin mir aber ehrlich gesagt nicht ganz sicher worauf das ganze hinauslaufen soll. Insgesamt kommt mir die Arbeit irgendwie etwas unorgansiert und ungeplant vor. Waehrend ich mich mit den Kindern unterhalte und beschaeftige, sitzen die die ganze Zeit nebeneinander auf der Bank rum und unterhalten sich zum groessten Teil untereinander. Zwei der Sozialarbeiter haben staendig eine Sonnebrille auf, was selbst mich total nervt, weil ich merke, das ich dadurch bisher ueberhaupt keine Beziehung zu den beiden aufbauen konnte. Und gerade die Beziehungsarbeit ist auf der Strasse extreme wichtig. Ich kann doch nicht einem Jungen, der sich gerade dazu entschieden hat in eine Einrichtung zu gehen, gut zu reden und ihm erzaehlen er soll jetzt sein Leben auf die Reihe bekommen, wenn der Jung mir dabei noch nicht mal in die Augen gucken kann. (das habe ich erlebt, nachdem klar war, das Bruno in eine Einrichtung geht). Es ist schon merkwuerdig, das die Sozialarbeiter im eigenen Land total hilflos sind, und selbst nicht genau wissen, was sie zu tun haben. Ich habe nach den drei Tagen Strassenarbeit mit einer der educadores im sitio darueber gesprochen, das es echt schwerig ist, so alleine diese Arbeit zu meistern, da meinte sie, das deshalb keiner der educadores diese Arbeit machen wollte, weil sie es mental einfach nicht ertragen koennten. Vor allem sind gerade diese staendigen Rueckschlaege das schlimme und das Gefuehl, das man einen der Jungen endgueltig verloren hat und es fuer ihn einfach keine Chance mehr gibt.

Einer dieser Jungen, fuer den es im Leben keine Chance mehr gibt (ich wollte gerade schreiben, so gut wie keine Chance mehr gibt,aber das waere gelogen) ist Jean, mit dem Christine zum Flughafen gebracht habe. Er ist jetzt 18 geworden, kann kaum lesen und schreiben. Lebt seit Jahren auf der Strasse und hat sogar mit einem Maedchen (17 Jahre) 2 Kinder, die er noch nicht einmal unterstuetzen kann. Ich war letzte Woche mit ihm imJean schreibt Christine ne mail Internetcafé und habe eine Mail an Christine geschrieben. Er hat fuer 6 Saetze eine Stunde gebraucht und ich musste danach jedes zweite Wort verbessern. Jean wird fuer immer auf der Strasse leben und dort auch sterben! Dies zu wissen ist hart… und eigentlich hat man auch keine Lust sich diesen Umstand vor Augen zu halten. So sind es immer wieder die kleinen Dinge, wie die Fahrt zum Flughafen, der gemeinsame Internetcafébesuch, die geschenkte Hose von Christine, bei denen man sich einbildet, das man ihm ein Stueck Lebensqualitaet zurueckgibt… .keine Ahnung, ob dem wirklich so ist… .vielleicht fuehlt er sich ja zumindest ein Stueck weit geliebt und als wertvoll geachtet… .mehr kann ich leider nicht fuer ihn tun… .Ich habe uebrigens einen neuen Freund ;) Rafael. Rafael ist 13 Jahre alt, ca. 1, 40 gross undRafael mein kleiner Freund vom Lagoa. Irgendwann hat er beschlossen, das ich jetzt seine Freundin bin. Seitdem klebt er mir am Arsch. Als ich versucht habe im zu erklaeren, das ich nicht seine Freundin sein kann hat er echt gesagt: „Ahhhh, ich verstehe! Es soll noch keiner wissen! Ich sag nix!” Als ich spaeter nicht mehr da war, hat er sogar dem educador von der Funcie erzaehlt, das ich seine Freundin bin, der daraufhin meinte: „weiss sie denn schon davon?” Ich weiss manchmal wirklich nicht inwieweit, das nur witzig sein soll und in wieweit die Kinder schon so in ihrer Fantasiewelt leben, das sie das ganze ernst nehmen… .Naja, Rafael scheint ganz nett zu sein. Vielleicht ist er ja irgendwann mal ganz furchtbar reich und ich hab den Megafang gemacht… wer weiss… kann mich ja in ein paar Jahren nochmal informieren… ..Oh ja… in ein paar Jahren… .das ist auch so eine Sache… .so langsam wird mir mehr und mehr bewusst, das ich diese Kinder irgendwann verlassen muss… . Gerade auch, weil meine Ausreise nach Argentinien bevorsteht und ich nicht weiss, auf welch gut oder schlecht gesinnten Grenzbeamten ich stossen werde… Man wird sehen, was die Zukunft so bringt…

Maiko bauchfrei

Letzte Woche habe ich den zweiten Versuch unternommen, mit Maiko ins Theater zu gehen. Der erste ist dirket am educador gescheitert, der gesagt hat Maiko sei zu unverschaemt. Der zweite ist am Kartenschalter gescheitert, der (die) gemeint hat, es gibt keine Karten mehr. Naja, so hat Maiko das erste mal in seinem Leben einen Milkshake trinken duerfen, und dann auch noch so einen leckeren (und teuren) von Bob`s und durfte Mototaxi fahren. Da faehrt er total drauf ab. Und obwohl es Arsch kalt war, hat er sein Hemd bis Bauchfrei hochgezogen und sass auf dem Ding wie ne Dame. Ich glaub ich sah definitive maennlicher aus… .

Im Bus Im Sand am Strand

Am Sonntag haben wir mit allen Kindern die Fahrt an den Strand gemacht. Das hiess fuer mich, um 3.40 auftshen und Cletschie in der Kueche helfen. Um 6 Uhr sind die Kinder schon total aufgeregt durchs sitio gelaufen. Jairo hatte sein kleines Ziehkoefferchen dabei, voll mit Mangos. Maiko hatte sich extra vorher noch die Haare blondiert und hat sich Braeungscreme gekauft und ist wie ein Fraeulein den Strand entlang spaziert und hat guetlich seine Braeungscreme verteilt. Die aelteren Jungs hatten ihre Freundinnen dabei, mit denen einige zum Teil ziemlich lange in den Duenen verschwunden sind… .in 9 Monaten wissen wir mehr… und ich sah nach der ganzen Chose aus wie ein Krebs, weil ich der Meinung vieler doofer Europaeer war, das man nach 5 Monaten Brasilien auch mal Sonnenschutzfaktor 6 benutzen kann… weit gefehlt. Abends sass ich dann voellig fertig vom Tag, mit dem letzten Rest meiner Eiterbeulen am Bein, Magenproblemen von Olinda… .und Krebsrot im Gesicht am Tisch in der kueche und hab mich selbst bemitleidet… .Selbst schuld sag ich da nur! Das beudetet wahrscheinlich einfach nur, das ich ab jetzt wieder mehr auf mich achten sollte… .und auf meine Sachen… Ich sags euch, man wird mit der Zeit nachlaessig, wenn einem nie was passiert!!Der Tag war trotzdem cool. Die Kinder hatten riesigen Spass, vor allem in den beiden Linienbussen. Auf der Hinfahrt wurde laut gesungen und getanzt, auf der Rueckfahrt geschlafen.

Veröffentlicht am 21.April 2007 um 14:01 im Straßenblog unter der Kategorie Barfuß in Brasilien

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