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Nayela

wiebke-und-nayela.JPGIch habe vor einer Woche ein Mädchen auf der Strasse kennengelernt, Nayela. Nayela hat die ganze Zeit versucht mir zu sagen, das sie gerne nach Hause will zu ihrer Mama. Leider war sie so high von dem Klebstoff, dass sie alleine schon eine Minute gebraucht hat um die Worte zu finden und auch dann konnte ich sie kaum verstehen. Nayela hat riesige dunkle Augen und irgendwann haben wir beide uns gegenüber gesessen und uns minutenlang in die Augen geschaut. Ihre Augen waren am Anfang so furchtbar leer, dass ich mich richtig erschrocken habe. Irgendwann fing sie dann an zu weinen ich habe ihre Hand genommen und wir haben uns immer noch angeschaut, bis wir dann beide anfangen mussten zu lachen und nicht wieder aufhören konnten. nayela.JPGDas Spiel haben wir bestimmt 10 Minuten gespielt. Ich habe mich dann plötzlich in ihren Augen gespiegelt… das war merkwürdig. Ich weiss gar nicht, wie ich diese Geschichte erzählen soll, ohne das sie ins Kitschige abgleitet… .Durch unsere Augenkonversation hat Nayela irgendwie vergessen, dass sie noch ne Flasche Klebstoff hat und so wurden ihre Augen plötzlich immer klarer. Als wenn man Ölfarbe ins Wasser gibt, die am Anfang im Wasser unter der Oberfläche schwimmt und dann irgendwann nach oben kommt und aufspringt und voll die schönen Muster macht. Plötzlich konnte ich in ihren Augen lesen und wir haben ganz lange einfach nur so da gesessen, bis sie plötzlich anfing, ganz normal zu sprechen und wieder sagte: …

… „Ich will nach hause zu meiner Mama… „. So hatte ich die Möglichkeit, mich fast nüchtern mit ihr zu unterhalten. Nayela ist 14 und weiss nicht mehr wo ihr Elternhaus ist. Das einzige was sie noch weiss ist ihr kompletter Name. Wir sind dann an dem Tag noch lange zusammen rumgelaufen und haben die anderen Jungs ein wenig geärgert. Am Ende wollte sie mich nicht wieder gehen lassen und war total traurig. Das nächste mal habe ich sie auf der Weihnachtsfeier vom kleinen Nazareno wiedergetroffen, da ist sie mir dann laut schreiend in die Arme gefallen und ist dann später irgendwann auf meinen Beinen eingeschlafen. Das Programm hat ihr offensichtlich sehr gut gefallen… und war im höchsten masse spannend… .(der Pastor hat gerade seine Reden über den lieben Herrgott geschwungen.) Am letzten Tag vor Weihnachten musste ich mich dann erstmal von ihr verabschieden. Sie war vorher noch mit Christine im „espazo“, um dort ein anderes Mädchen von der Strasse zu treffen, da hat Christine ihr dann schon erzählt, dass ich für ca. zwei Wochen nach Salvador fahre. Da hat sie dann Christine aufgetragen, mich in der Wohnung anzurufen und mir zu bestellen, das sie jetzt gleich zurueckfaehrt, und dort den ganzen Tag auf mich warten wird. Später habe ich sie dann da getroffen. Sie hat mir ihren Armreif geschenkt als Erinnerung und geweint, weil sie nicht wollte, dass ich so lange weg gehe. Meine Güte, was soll ich ihr denn bitte sagen, wenn ich ganz aus Brasilien weggehe. So schön solche Begegnungen auch sind und die Beziehungen, die man dann zu den Kindern aufbaut, so schrecklich ist es dann aber auch, wenn man sie wieder alleine lassen muss. Jedenfalls habe ich dann Heiligabend zuhause ein Freundschaftsband für sie geknotet, und das ist auf jeden Fall viel wehrt, weil ich Leute, die diese Dinger gebastelt haben, immer irgendwie komisch fand. Aber was anderes war aufgrund fehlender Mittel leider nicht drin… Und außerdem ist das wahrscheinlich das einzige, was sie nicht gleich verliert, weil sie es ums Handgelenk trägt… .Sie hat mich gefragt, wo ich denn Weihnachten bin und hat mir dann erzählt, sie würde Weihnachten hier am Lagoa mit den anderen Kindern verbringen… was für mich eigentlich ganz selbstverständlich war, war für sie auf jeden Fall noch mal eine Information wert…
Ich habe mir jetzt überlegt, dass ich mit ihr, wenn ich wieder da bin, mal gemeinsam auf den Markt fahren und ihr zwei schöne Kleider kaufen werde, weil sie so gerne mal „keine Jungsklamotten sondern Mädchenklamotten hätte“. Ich denke, da wird sie sich drüber freuen.
Ja, und noch was: so wie es aussieht, werde ich versuchen, ihre Mutter ausfindig zu machen, mit Hilfe von Christine, da meine Portugiesischkenntnisse für Aemtergaenge nicht wirklich ausreichen. Das wäre super toll, wenn wir ihre Familie finden könnten. Vor allem, weil sie bei dem Interview von Christine, das diese gerade für ihre Abschlussarbeit schreibt, auf die Frage, was sie sich am meisten wünscht, geantwortet hat: eine Familie. Obwohl natürlich auch genau das Gegenteil passieren kann und Nayela am Ende vielleicht ganz gross enttäuscht wird… schwierig schwierig.

Veröffentlicht am 28.Dezember 2006 um 15:50 im Straßenblog unter der Kategorie Barfuß in Brasilien

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Bitte erst die geschichte unten lesen……..

[…] Nayela hing schon ueber dem Eingangstor und hat die ganze Zeit meinen Namen gebruellt…..Die Einrichtung lag also im totalen Nichts. Drumherum ein paar Haeuser und ansonsten oede Leere. Ganze 9 Kinder sind dort…Nach meinem Empfinden geht es Najila dort gut. Adìla allerdings noch um einiges besser. Die geht dort total auf und ist ganz offensichtlich nach ihren ganzen Strapazen gut angekommen. Leider hat sie sich durch mich an Christine erinnert und so hatte ich echt lange damit zu tun, dass sie bitterlich geweint hat und unbedingt Christine sehen wollte. Ich habe ihr dann versprechen muessen, das ich Christine anrufe und ihr die Nummer durchgebe. […]