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Gibts ja gar nicht……

102_0036.jpgEinen wunder- wunderschoenen an alle meine treuen email-Leser da draussen….Hut ab, das ihr mir noch immer folgen koennt (Leute die aus Lesefaulheit eine mail uebersprungen haben werden mit Sicherheit Schwierigkeiten bekommen… ..ha!… Ne? Mutlu und Gunnar!?) Ach und uebrigens: Lesen bildet… .!! Ich werde jetzt mal wieder kraeftig in meiner Schatzkiste der tausend Unglaublichkeiten wuehlen um euch ein paar nette Geschichten zu kredenzen…

Ich habe mich letzte Woche Montag (immer noch mit Eriswaldo im Kopf) auf den Weg nach Horizonte (gesprochen Horisontschie… .kleiner brasilianisch-Kurs… ) gemacht um dort in der Einrichtung Nayela und Adìla zu besuchen. Das war, wie immer in Brasilien, mal wieder eine halbe Weltreise… .ueber ne Stunde mit dem Bus (das ist bei uns wie 20 Minuten zu rechnen). Das dann allerdings durch eine super schoene Landschaft… .Haaach, das ist gerade alles so super herrlich gruen hier… .dann hatte ich den Auftrag mitten in den Wallachoten vor einer Fabrik auszusteigen, von dort aus habe ich dann die Eduacadore der abrigo (Einrichtung) angerufen, die mir dann ein Mototaxi bestellt hat, mit dem ich dann ueber eine Huckelpiste zu meinem Ziel gelangt bin.

Nayela hing schon ueber dem Eingangstor und hat die ganze Zeit meinen Namen gebruellt… ..Die Einrichtung lag also im totalen Nichts. Drumherum ein paar Haeuser und ansonsten oede Leere. Ganze 9 Kinder sind dort… Nach meinem Empfinden geht es Nayela dort gut. Adìla allerdings noch um einiges besser. Die geht dort total auf und ist ganz offensichtlich nach ihren ganzen Strapazen gut angekommen. Leider hat sie sich durch mich an Christine erinnert und so hatte ich echt lange damit zu tun, dass sie bitterlich geweint hat und unbedingt Christine sehen wollte. Ich habe ihr dann versprechen muessen, das ich Christine anrufe und ihr die Nummer durchgebe.

102_0064.JPGNayela ist eine Vagabundin wie eh und je und fuer sie sehe ich ehrlich gesagt noch nicht wirklich die besten Chancen, das sie tatsaechlich da bleibt… . Nach den ersten 10 Minuten hat sie gesagt, das sie bald abhaut und wenn sie vom Lagoa und den anderen Kindern dort gesprochen hat, fingen ihre Augen direkt an zu leuchten… .das Projekt Nayela bedarf mit grosser Sicherheit noch viel Ueberzeugungsarbeit. Ich hab schon ueberlegt, ob ich ihr nicht ne Gipsmaske von mir schenken soll, die sie sich dann ins Zimmer haengt, und wenn sie den Gedanken hat aus dem sitio abzuhauen muss sie an meinen mahnenden Blicken vorbei und das wird schwer… .dann mal ich da so fiese aufgerissene Augen drauf und gemeine Falten auf die Stirn… vielleicht noch ne Sprechblase an den Mund kleben: „Bleib!”… .mach ich natuerlich nicht… ! Aber Sorgen mache ich mir schon ein wenig, dass sie in 1½ Wochen wenn ich nochmal hinfahren werde nicht mehr da ist! Allerdings denke ich auch, dass der Besuch von mir ihr gut getan hat. Sie war sichtlich stolz, das jemand sie dort besucht und hat mich die ganzen 3 Stunden ordentlich in Beschlag genommen. Sobald ich mich kurzzeitig mit jemand anderem beschaeftigt habe, war sie extremst beleidigt. Die Kinder haben mir dann erst mal das sitio gezeigt und spaeter habe ich dann noch an den Aktivitaeten teilnehmen duerfen, schoen mit Gitarrenentspannungsmusik und Bilder kleben… .was die Paedagogen eben alles so machen… .Nayela schien allerdings weniger entspannt… . Wie gesagt werde ich bald wieder hinfahren und habe auch von Nayela und Adíla erst mal eine schoene Liste geschrieben bekommen, was ich denn alles mitzubringen habe: Puppe, Teddy, Radio, Schokolade, Lollies… .eben alles! einfach… .

Auf dem Rueckweg von der Abrigo ist mir dann wieder mal was einfach unfassbares passiert… .Ich bin nicht mit dem Bus, sondern mit einem Topik gefahren. Das sind diese Kleinbusse, die ich so liebe (Scherz), weil die einfach so jeden einladen, der an der Strasse steht, frei nach dem Motto: Einer geht noch, einer geht noch rein… und dann sitzt man da, auf einem halben Sitz, neben einer dicken Frau, mit Kind auf dem Schoss, vor einem meterweise Kisten, die einen dazu zwingen, dass man seine Fuesse draufstellt (hochlegt), weil sonst kein Platz mehr ist. Neben einem ein Typ, der sich mit seinem Arsch an meine Schulter lehnt, weil er denkt, dass das die Sitzlehne ist. Man schwitzt wie ne Sau, sobald der Bus nicht mehr faehrt und die Windzufuhr nicht mehr gesichert ist. Einfach herrlich… Nichts fuer Leute mit Angst vor Koeperkontakt… .In Fortaleza hatte sich der Bus dann schon um einiges geleert und mit mir sassen noch so ungefaehr 8 andere Leute im Bus. Der Typ, der neben dem Fahrer immer mifaehrt, die Leute einlaed und das Geld entgegennimmt, hatte sich in der Zwischenzeit schon neben mich gesetzt und mich mit Fragen bombardiert, weil er offensichtlich ein wenig an mir interessiert war… .Kurzum: Mitten im derbsten Verkehr von Fortaleza beschleunigt der Fahrer ploetzlich von 50 auf 100 kmh faehrt in eine Parkstrasse rein schlingert, immer noch im selben Tempo, durch parkende Autos. Im Topik fliegt alles durch die Gegend. Unter anderem die Insassen. Der Typ neben mir springt von seinem Sitz und guckt panisch nach hinten… naja und dann nahm das ganze seinen Lauf… . Ich hatte vergessen, was Emanuel mir vorher schon mal erzaehlt hat, naemlich das diese Topiks zum Teil ohne Lizenz fahren, und so war ich doch tatsaechlich mitten in eine Verfolgungsjagd des Topiks mit der Polizei geraten… .Der Fahrer und der Typ waren nur noch am bruellen. Wir sind mit 70 Sachen hupend und die Autos weck winkend, durch Staus gefahren, wo ich mich jetzt noch frage, wie der das gemacht hat… .Die anderen Fahrgaeste hatten zum Teil ein sichtliches P im Gesicht und ich konnte in dem Moment einfach nicht anders, als stumpf zu lachen… .Und liebe Leute, dieses mal ist es kein Spruch: Ich war fest davon ueberzeugt, das es irgendwo im Bus eine versteckte Kamera gibt… Ich hab eigentlich nur gedacht: Da machste echt alles mit hier in Brasilien. Mein Gelache hat dann auch noch ein paar andere Leute angesteckt. So sind wir dann durch Fortaleza geprescht, haben mehrmals fast andere Autos gerammt, sind voellig verboten in eine Strasse eingebogen und mit einem Affenzahn in einen Hinterhof eingebogen, bei dem dann die Schotten dicht gemacht wurden. Da standen noch mehr Topiks… .keine Ahnung ob mit Lizenz oder ohne… Wir sind dann alle schnell ausgestiegen und raus. Keine Ahnung ob die Bullen noch gekommen sind, ich bin gegangen… ..Drei der Fahrgaeste haben ihr Geld wiederbekommen, weil der Bus direkt an in ihrem Ziel vorbeigeschosen ist… .er konnte ja nunmal schliesslich nicht anhalten… Schoen war auch – und das ist mir erst spaeter aufgefallen – das ich mich beim Aussteigen noch bedankt habe… ich glaube jetzt, das es mir unbewusst aus tiefstem Herzen gekommen ist. Denn sowas muss man mal mitgemacht haben… einfach unfassbar… ! Brasilien I love you!

102_0072.JPGUm 18.00 Uhr hatte ich dann meine Telefonverabredung mit Eriswaldo, der ganz offensichtlich schon auf meinen Anruf gewartet hat. Er hoerte sich total gut an und hat mir erzaehlt, wie schoen es dort ist. Dann wollte seine Mama undbedingt nochmal mit mir sprechen um mir zu erzaehlen, wie glueklich sie jetzt ist, weil ihr Sohn wieder da ist… Das geht doch runter wie Butter… .Ich habe dann gesagt, das ich sie im April, wenn ich aus Rio de Janeiro wieder da bin, besuchen werde. Eriswaldo war total aufgeregt und hat mir ungefaehr 4 mal erzaehlt, das er mich dann von der Rodoviaria abholt und wann ich denn genau komme. Ich koennte dann bei seiner Oma schlafen, die hat ein grosses Haus und einen Fernseher… ..ich muss also nicht auf Biggi Brother verzichten… wie beruhigend (sonst waere ich NATUERLICH nicht gefahren). Die Mama hat sich auch gleich gefreut, dass ich komme. Das Ganze ist natuerlich ziemlich spannend und eine Fahrt ins Ungewisse, weil ich so gar nicht weiss, was mich dort erwartet… .aber das macht das Leben doch erst lebenswert, oder? Und ich hab ja da auch meinen kleinen Beschuetzer immer dabei. Ich glaube ich werde in eine Stadt kommen, die noch kein Tourist vorher besucht hat… .wie aufregend… .

Jetzt komme ich leider zu einem weniger erfreulichen Teil (das Wort „weniger” ist in diesem Fall masslos untertrieben). Das ist eine Geschichte die euch mal verdeutlichen soll, wieviel Frust man in so einer Arbeit eigentlich auszuhalten hat: Ich bin mit Claudia am Dienstag auf die Strasse gefahren und ratet mal, wen ich dort angetroffen habe… ..da kommt ihr nie drauf… .Mery Helen… das ist das Maedchen, das Christine und ich nach Rio de Janeiro verfrachtet hatten… .Ich war total geschockt! Noch nicht mal 4 Wochen hat sie es dort ausgehalten und ist dann wieder nach Fortaleza, was uber 1500 Kilometer entfernt ist, zurueckgekehrt… .Und das schaerfste kommt erst noch: Das Amt in Rio de Janeiro hat ihr das Geld fuer die Busfahrt gegeben… .was ist das denn bitte… ? Ich war total angefressen und hab ihr erst mal meine Meinung gesagt und sie gefragt, was sie denn denkt, wie es Christine damit geht. Nach Aussen hat sie die Frage eher kalt gelassen, keine Ahnung wie es in ihr drinnen aussah. Sie hat dann auch erst mal nicht mehr mit mir geredet aus lauter Unsicherheit. Auf die Frage warum sie denn zurueckgekommen ist, hat sie nur gesagt: „Weil ich das wollte!”… Na dann… Spaeter habe ich sie dann zum Glueck nochmal an einem anderen Busbahnhof getroffen und hab zu ihr gesagt sie soll jetzt mal Tacheles reden. Da meinte sie, das ihre Tante nie da war, weil sie immer gearbeitet hat und so war Mery Helen staendig alleine und hatte auch keine Freunde dort. Ein vorgeschobener Grund meiner Meinung nach. Wie kann man so wenig Geduld haben… . Ich denke Mery Helen ist mit ihren 18 jahren schon so verwurzelt mit ihrer Identitaet als Strassenkind und vor allem auch verwurzelt mit ihrem Klebstoff, an dem sie ganz offensichtlich wieder extreme Freude hatte, das es kaum noch moeglich ist, sie von der Strasse wegzubringen. blog1.jpgDas ist so ein Umstand meiner Arbeit, die manchmal kaum auszuhalten ist: FRUST! Ich habe lange darueber nachgedacht, ob dieser Rueckschlag mich dazu bringen soll, die Dinge einfach neutraler zu betrachten sprich, mich auch nicht mehr so sehr ueber all die positiven Dinge zu freuen, die einem wiederfahren. Bin aber letztlich zu dem Entschluss gekommen, das man nur dann gute Arbeit leisten kann, wenn man sich weiterhin ueber alle positiven Ergebnisse freut und aber auch bei den negativen Dingen seine Wut und seinen Aerger feien Lauf laesst. Denn alles was dazwischen liegt stumpft mit Sicherheit ab. So werde ich mich auch weiterhin ueber Eriswaldo freuen… .sicherlich: im Moment schwingt extreme Angst mit, das ich eines Tages am Siquiera auftauche und ploetzlich steht Eriswaldo vor mir. Aber das ist falsch! Und fuehrt mit Sicherheit dazu, das ich weniger lustvoll an meine kleinen Projekte rangehe… .also: alles wie gehabt und weiter machen.

Ich glaube auch, das wir einen riesigen Fehler gemacht haben. Christine haette sich vor Ort in Rio um eine Einrichtung kuemmern muessen, die mit Strassenkindern arbeitet, damit sich ein Sozialarbeiter um Mery Helen kuemmern kann. Das ist natuerlich auch echt hart, nach 4 Jahren Strasse in Fortaleza, ploetzlich nach Rio zu kommen, ohne die Freunde von der Strasse, ohne die gewohnte Umgebung und ohne Klebstoff der das Leben einfacher und bunter macht… . Fuer mich ist das ganze auf jeden Fall eine Warnung und das erste, um das ich mich bei dem Besuch von Eriswaldo und seiner Mama kuemmern werde ist Hilfe vor Ort! Fuer Christine wird das mit Sicherheit auch noch eine schlimme Nachricht und leider habe ich die Aufgabe sie ihr zu ueberbringen (schluck!). Vor allem, weil sie Mery Helen nicht einfach nur nach Rio gebracht und sie dort abgesetzt hat, sondern sie vorher noch fuer 3 Tage nach Receife mitgenommen hat, von da aus nach Rio, dann nach São Paulo und letztendlich dann nach Rio. In ihrer mail hat sie berichtet, das sie viel auf dieser Fahrt geredet haben und dass es fuer beide eine wichtige Lebenserfahrung war, die wohl auch Christine sehr gepraegt hat. Und jetzt das… . Es zeigt glaube ich einmal mehr, wie schwierig es ist, diese Kinder von der Strasse zu bekommen, und wie schwer es auch die Sozialarbeiter haben, die immer wieder mit dem Vorurteil kaempfen muessen, sie wuerden die Kinder auf der Strasse nur bespassen und nicht dafuer sorgen, das sie einfach dort verschwinden… wenn das so einfach waere… .das waere toll… Und genau mit diesem Vorurteil sind letzte Woche auch zwei Reporter von Brasiliens bekanntester Tageszeitung „O Povo” am Lagoa gewesen. Die Fragen des Reporters liefen eigentlich immer wieder darauf hinaus, das die Sozialarbeiter mit ihrer Anwesenheit die Kinder anziehen und sowieso, wenn sie dann auch noch Aktivitaeten mit den Kindern machen, wie Stelzenlaufen und Einradfahren… .komisch nur, das es am Lagoa normalerweise ueber 60 Kinder gibt und wenn Aktivitaeten sind, sind zum Teil nur 20 Kinder da. Und natuerlich wurde auch gefragt, warum sie den Kindern nicht einfach den Klebstoff entziehen und sie in eine Einrichtung bringen. Ich weiss gar nicht, wieviele Kinder wie oft taeglich in Einrichtungen gehen. Nur um dort zu duschen, zu essen, vielleicht eine Nacht zu schlafen und dann wieder abzuhauen. Die ganze Arbeit geht einfach viel tiefer und in erster Linie sind wir vor Ort um eine Beziehung zu den Kindern aufzubauen, sie auch vor aeusseren Gewalteinfluessen zu schuetzen… einfach um fuer sie da zu sein und mit der Zeit abzuschaetzen, wem man wie helfen kann… Und das ist einfach so furchtbar nervenaufreibend und schwierig und wie man sieht immer wieder mit heftigen Rueckschlaegen verbunden… .

imagem-001.jpg Genauso Rafael Oliveira, bei dem ich gerade alles daran setze, ihn wieder ins sitio zurueckzubringen: ich bin am Dienstag den gesamten Tag, von 9.00 bis 18.00 Uhr durch ganz Fortaleza gefahren, habe alle Punkte abgeklappert, wo normalerweise Kinder sind und hatte keinen Erfolg… .Wie auch, bei dieser riesigen Stadt… da hilft dann auch keine positive Einstellung mehr oder eine Bestellung ans Universum… So kann ich nur hoffen, das er zu dem Gespraechstermin mit Bernardo gefahren ist, wo ich ihn eigentlich hinschleifen wollte. Irgendwann ist auch einfach mal der Punkt gekommen, wo man die Verantwortung fuer sich selbst an die Kinder abgeben muss. Rafael Oliveira ist ja eigentlich auch kein Baby mehr… .aber fast… . Zwischendurch am Lagoa hat dann der kleine Rafael (mein Freund ;)) noch versucht mir nen Zungenkuss zu geben… alles nur das nicht… Es reicht schon der Geruch den man am Koerper hat, wenn man von der Strassenarbeit kommt. Anders als in Deutschland bei der Strassenarbeit hat man mit den Kindern extrem viel Koerperkontakt, weil viele sehr kuschelbeduerftig sind. Ich denke aber auch, dass es wichtig ist, um weiter an die Kinder ranzukommen, gerade weil sie staendig so zugedreohnt sind. So riecht man dann abends nach einer Mischung aus Moder und Klebstoff… ich glaube diesen Geruch werde ich bis ans Ende meiner Tage nicht vergessen… ! Will ich aber auch nicht!! Als ich Rafaels Kuss nicht erwidert habe, hat er aus Frust Steine auf abfahrende Busse geworfen… .das gab natuerlich Aerger!…Nja, Stress gibts in der besten Ehe mal!

Bei der Suche nach Rafael Oliveira habe ich am Siquera ein echt langes und auch ganz nettes Gespraech mit einem ansaessigen Wachmann gehabt. Wurde auch mal Zeit, weil mein Bild von diesen Typen sich mehr und mehr verschlechtert hat. Unter anderem, nachdem wir letzte Woche mit Elias am Busbahnhof standen um ihn in eine Einrichtung zu bringen, und die Wachmaenner gleich mit dem Knueppel auf ihn losgegangen sind. Oder weil die Wachmaenner vom Lagoa den Kindern nachts beim Schlafen ihren Klebstoff ueber die Koepfe gegossen haben und alle am naechsten Tag verklebte Haare hatten… . Ich werde wohl so einiges nach Deutschland mitnehmen, unter anderem dunkelrote Punkte an meinem Bein, durch die Eiterbeulen… .leider verheilen die Wunden hier in Brasilien nur schlecht, weil auch das Duschwasser nicht gerade sauber ist. Tja, so werde ich mir wohl unten am Knoechel eine Taetowierung verpassen lassen muessen. Ich weiss auch schon was: einen Schmetterling. Noch nie sind mir so viele Schmetterlinge begegnet wie hier. In Natura, auf T-shirts,als Wandbehang. Naja, hab ich immer eine Erinnerung an Brasilien und ich muss sagen: es gibt schlimmeres als ein Tattoo… .

imagem-026.jpg Wir haben neulich abends am praia de irasema Strasenarbeit gemacht. Das ist eine riesig lange Strandpromenade, mit vielen Hotels und tausenden von Touristen. Da werden einem dann auch leckere Sachen serviert: Da stehen dann 12jaehrige, sogar 10jaehrige Maedchen und bieten sich fuer Sex mit Touristen an. Es gibt sogar 2 riesige Diskotheken hier, in denen es nur darum geht, das kleine Maedchen gegen Geld mit dicken schmierigen Touristen Sex machen… .eine wirklich leckere Vorstellung… Und was ich nicht wusste: Fortaleza ist eine Hochburg fuer Kindersextourismus. Das hat mir Claudia jetzt erzaehlt, die in Oesterreich gerade vor kurzem erst einen Bericht darueber im Fernsehen gesehen hat. In Holland gibt es wohl sogar tatsaechlich direkte Reiseangebote fuer Sexreisen nach Fortaleza inclusive kleiner Kinder… . Dazu faellt mir jetzt gerade nicht mehr soviel ein… . Und leider ist es immer haeufiger der Fall, dass arme Eltern ihre Kinder zur Prostitution zwingen.

Um all dieses Elend mal fuer einen Moment zu vergessen sind Claudia und ich von Mittwoch bis Freitag nach Canoa Quebrada gefahren. Ich habe vor allem auch die letzten 2 ½ Wochen komplett durchgearbeitet… manchmal vergisst man sich da ein wenig… Canoa Quebrada ist ein Traum: voll der magische Ort. Das Dorf liegt mitten in einer riesigen Duenenlandschaft und der Strand ist umgeben von rotten Sandklippen. Viele Hippies sind dort haengengeblieben und vor allem Rastamaenner. So gibt es natuerlich eine fette Reaggaebar amStrand. So haben wir dort 2 Tage in der Sonne gebraten, uns am Strand massieren lassen (um der Ueberlegung direkt vorwegzugreifen: nein! Nicht von einem huebschen Brasilianer, sondern von einer Brasilianerin! Ganz serioes!), und haben eine Buggytour durch die Duenen gemacht. Der Blick auf den Sonnenuntergang wurde dann kurzfristig abgeblasen, weil wir, als wir bereits oben sassen, unten ein Feuer gesehen haben, das sich so langsam zu einem Waldbrand auszuweiten schien. Erst meinte unser Fahrer noch, das sei zum Abbrennen der kaputten Baeume, bis ploetzlich nur noch lodernde Flammen zu sehen waren. So sind wir ins Dorf zurueckgeprescht um die Feuerwehr zu rufen, so das wir fast hinten aus dem Sitz geflogen waeren und ich hab nur gedacht: Nicht schon wieder… .ich bleib hier auch von nix verschont… ! Aber: Am Strand liegen mit Samba in der Strandbarraca oder Bacote, tuerkisblaues Meer… .da kann ich nur wieder sagen: Brasilien I love you! Canoa Quebrada hat auf jeden Fall den geilsten Friedhof den ich je gesehen habe. Ein Stueck Duene mit einem Zaun abgetrennt und da drin stecken dann kleine oder grosse Holzkreuze. Charmant charmant. Hoffentlich handelt es sich nicht um Wanderduenen… … Die Landschaft um Canoa war echt geil, obwohl mir immer wieder auffaellt, das ich eigentlich mehr auf Regenwald und Dschungel stehe… ich bin uberzeugt: ich war in meinem frueheren Leben Jane. Die Alte von Tarzan.

Im sitio ist alles wie gehabt. Die educadores freuen sich, dass ich doch noch bleibe. Ich werde mich ab naechster Woche vermehrt um Jonas und Rudson kuemmern und mit ihnen morgens zur Schule gehen. Jonas und Rudson sind relativ neu und ich kenne sie bereits von der Strasse. Leider haben beide etwas Schwierigkeiten sich ins sitio einzufinden und sind vor allem in der Schule total ueberfordert. So sind die beiden dann auch letzte Woche abgehauen. Sergio ist sofort mit dem Taxi hinterher und hat sie gerade erwischt als sie am Lagoa angekommen sind und sich die erste Klebstoffflasche gegriffen haben… . Ansonsten ist alles unfassbar gruen und die Voegel zwitschern. Das ist schoen. Nicht so schoen dagegen sind die Froesche, die sich gerade alle auf einmal paaren wollen (das hat die Natur wohl so an sich… ) und Nachts einen unvorstellbaren Laerm machen. Das hoert sich zum Teil eher an, wie fiese experimentelle Musik… fuer ne Stunde ja ganz nett, aber bis zum Morgengrauen kann das auch schon mal an den Nerven zehren… .

So alle meine Lieben und hier schliesse ich fuer heute meine Anekdoten und Anekdoetschen und sage:

„Kinder die man nicht liebt, werden Erwachsene die nicht Lieben!” (Pearl S. Buck > wer auch immer dieser Kerl ist… .)

Und seid euch eins gewiss: In meinem Herzen bin ich bei euch… !! No meu coração tenho todos de vocês…..

Um beijo e um abraço

Vipika

Veröffentlicht am 5.September 2007 um 16:22 im Straßenblog unter der Kategorie Barfuß in Brasilien

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